Einmal im Leben eines Berliner Azubis

aha-Team

Jugendteam-Autor/in

Die KV-Lernende Celina Banzer aus Schaan hat einen Monat lang in Berlin gelebt, gearbeitet und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Im Interview spricht sie über die Unterschiede in der Arbeitswelt und warum sie nun Toilettenpapier mehr wertschätzt.

Weshalb hast du dich um den Austauschplatz beworben?

Celina Banzer: Ich war nie diejenige, die dachte, sie müsse unbedingt ins Ausland und etwas erleben. Aber als ich das Angebot direkt vor der Nase hatte, sah ich es als gute Chance, um Erfahrungen zu sammeln. Als ich dann erfuhr, dass ich in einem Betrieb in der Immobilienbranche arbeiten würde, war der Fall klar. Denn seit meiner Kindheit ist es mein Traum, Immobilienmaklerin zu werden.

Wie hast du Berlin kennengelernt?

Ich habe Berlin nicht auf die touristische Weise kennengelernt, sondern wie eine Einheimische. Es sind nicht die typischen Attraktionen wie etwa der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor, die Berlin ausmachen. Es sind die Graffitis an den Wänden, die Strassenkünstler, die Einheimischen und vor allem deren Mentalität, die Berlin zu einem kleinen Kunstwerk machen.

Gemäss Klischees heisst es, dass Deutsche sehr distanziert sind. Hat sich das bestätigt?

Wenn du durch Berlin läufst, interessiert sich niemand für dich – das ist schon so. Aber das ist eigentlich gerade das Schöne: In Berlin muss man sich nicht dafür rechtfertigen, wer man ist und was man trägt. In Liechtenstein lebt man vielleicht etwas vor, was man eigentlich gar nicht ist – nur weil die Leute sich für einen und sein Leben interessieren. Auf den ersten Blick wirken Berliner vielleicht distanziert, lernt man sie aber kennen, sind sie offen und herzlich. Das habe ich bei den Mitarbeitenden im Betrieb bemerkt.

Man hat dich also mit offenen Armen empfangen. Wie war denn die Arbeit in einem fremden Betrieb?

Die Immobilienfirma, bei der ich gearbeitet habe, war ein Betrieb mit 50 Mitarbeitenden und mehreren Standorten. Die Tätigkeiten und der Kontakt zu anderen Betrieben war umfangreicher als etwa bei meiner Lehrstelle im BZB Buchs. Ungewöhnlich war auch die 38-Stunden-Woche. Eine halbe Stunde mehr Freizeit täglich macht sicher etwas aus. Ich denke, Deutsche gehen die Arbeit auf eine ganz andere Weise an. Sie erledigen die Arbeit fristgerecht, setzen sich aber keinen Druck auf.

Heisst das, Liechtensteiner und Schweizer haben mehr Stress bei der Arbeit?

Teilweise schon. Im Betrieb gab es zum Beispiel keine Zeiterfassung oder Arbeitsrapporte – alles funktionierte auf Vertrauensbasis. Das hat mit Sicherheit auch einen Einfluss auf die Stimmung. Teambildung wird dort zum Beispiel grossgeschrieben.

Während der vier Wochen hast du auch die Berufsschule besucht. Was hast du dort erlebt?

Sagen wir es mal so: Ich weiss es jetzt zu schätzen, dass wir in der Berufsschule WC-Papier, Seife und fliessend Wasser haben. Alles ist dort recht unorganisiert. Die Lehrer planen spontan, was in der Lektion gemacht wird, und die Schüler haben viel weniger Respekt vor den Lehrpersonen als hier in der Schweiz. Die Schüler kommen nur, wenn sie gerade wollen. Das hat mich zunächst erschreckt.

Inwiefern gibt es keine kaufmännische Grundausbildung?

Je nach Branche geht man in Berlin in eine andere Klasse oder an eine andere Schule. Allgemeinbildung hat nicht oberste Priorität. Die Azubis sind zwar sattelfest in ihrer Branche, aber stark auf ihren Beruf fokussiert. Ein angehender Immobilienmakler lernt beispielsweise nur das Englisch, das er bei der Arbeit braucht. Den Wortschatz für ein Gespräch in England hat er jedoch nicht.

Weisst du, wie es den Berlinern in Liechtenstein und der Schweiz ergangen ist?

Ich hatte Kontakt mit einer Berlinerin, die während des Austauschs bei der Liechtensteiner AHV-Stelle gearbeitet hat. Für die Berliner wurden Ausflüge in die Berge und nach Bern organisiert. Die Ruhe und die leeren Strassen waren für die Grossstädter wohl ungewohnt. Wir mussten uns in Berlin eher selbst organisieren.

Hast du den Kontakt, etwa zu deinen Mitarbeitenden, gehalten?

Ja, ich habe stetigen Kontakt zu den Azubis im Betrieb. Im Dezember habe ich sie sogar besucht und Silvester mit ihnen gefeiert. Im März treffen wir uns wieder. Zuerst dachte ich, die Leute würden mich vergessen, aber sie schätzen es sehr, wenn man den Kontakt beibehält.

Und mit den anderen Austauschschülern?

Wir haben uns gut kennengelernt, da wir einen Monat zusammen in einer Unterkunft gelebt haben. Jeder geht jetzt zwar wieder seinen eigenen Weg, aber wir möchten den Kontakt aufrechterhalten.

Würdest du das Abenteuer «Austausch» nochmals wagen?

Ich würde keine Sekunde zögern und den Austausch sofort nochmals machen. Ich habe sogar ein Angebot bekommen, nach meinem Lehrabschluss im Berliner Betrieb zu arbeiten – das wäre eine grosse Chance für mich. Wenn mir vor dem Austausch jemand gesagt hätte, dass ich einmal nach Berlin ziehen könnte, hätte ich ihm wohl den Vogel gezeigt. Jetzt weiss ich, dass man sich dort daheim fühlt, wo man sich wohlfühlt.

Mirjam Schiffer

Mirjam Schiffer

Koordinatorin Jugendinfo, Projekte


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