Im Frühjahr 2024 hat Liechtenstein nach einer längeren Pause wieder an der europaweit durchgeführten Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) teilgenommen. Unter der organisatorischen Leitung des Amtes für Soziale Dienste (ASD) füllten Jugendliche des Jahrgangs 2008 anonym einen umfassenden Online-Fragebogen zu ihrem Konsumverhalten und ihren digitalen Lebensgewohnheiten aus.
Die Ergebnisse bieten eine fundierte datenbasierte Grundlage für die nationale Suchtprävention – und zeigen im internationalen Vergleich spannende Entwicklungen.
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Die ESPAD-Studie 2024
ESPAD Report 2024: Results from the European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs
Der vollständige europäischen Report mit allen länderspezifischen Tabellen und vertiefenden Analysen.
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Die wichtigsten Erkenntnisse aus Liechtenstein im Vergleich
1. Positiver Trend bei klassischen Suchtmitteln (Alkohol & Tabak)
Die erfreulichste Nachricht vorweg: Der Konsum klassischer Suchtmittel ist bei den liechtensteinischen Jugendlichen im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2015 spürbar rückläufig. Die Werte liegen mittlerweile sogar unter dem Niveau von 2011.
- Alkohol: Obwohl Alkohol europaweit die am einfachsten verfügbare Substanz bleibt (75 % der ESPAD-Schüler empfinden den Zugang als leicht), ist der generelle Trend in Liechtenstein wie in weiten Teilen Nord- und Westeuropas rückläufig. Auch beim Rauschtrinken (Heavy Episodic Drinking) ist ein Rückgang zu verzeichnen.
- Zigaretten: Die Lebenszeitprävalenz beim traditionellen Zigarettenrauchen sinkt weiter. Allerdings stagniert der Rückgang beim frühen Einstieg in das tägliche Rauchen im europäischen Gesamttrend leicht.
2. E-Zigaretten und Vapes überholen die klassische Zigarette
Während das traditionelle Rauchen an Attraktivität verliert, erleben E-Zigaretten einen massiven Zuwachs. Dieser Trend ist auch in Liechtenstein stark ausgeprägt:
- Auf europäischer Ebene haben bereits 44 % aller befragten Jugendlichen mindestens einmal im Leben eine E-Zigarette ausprobiert.
- Besonderheit bei Mädchen: Historisch war der Tabakkonsum eher männlich dominiert. Bei den E-Zigaretten zeigt sich jedoch eine Trendumkehr. In Liechtenstein fällt auf, dass die Lebenszeitprävalenz beim Konsum von E-Zigaretten bei den Mädchen sogar um deutliche 13 Prozentpunkte höher liegt als bei den Jungen (57 % bei Mädchen vs. 44 % bei Jungen).
3. Cannabis-Konsum: Rückläufig, aber auf hohem Niveau
Auch der Konsum von Cannabis ist im Vergleich zu 2015 rückläufig. Dennoch bleibt die Erfahrung mit der Substanz im Vergleich zu vielen osteuropäischen oder Balkanländern relativ hoch. Ähnlich wie bei den E-Zigaretten zeigt sich auch hier in Liechtenstein eine geschlechtsspezifische Besonderheit: Der Konsum liegt bei den Mädchen (Lebenszeitprävalenz) über dem der Jungen.
Hinweis: Die recht geringe Stichprobe kann bei Statistiken leicht zu solchen Ausreissern führen.
4. Sorgenkind „Beruhigungsmittel“ und Inhalanzien
Ein alarmierendes Ergebnis der Studie betrifft den Konsum von rezeptfreien Medikamenten:
- Der Konsum von Beruhigungsmitteln (Tranquillizers or Sedatives) ohne ärztliche Verschreibung ist in Liechtenstein merklich angestiegen und hat ein ähnlich hohes Niveau erreicht wie in den Nachbarländern Österreich und Deutschland. Europaweit nutzen Jugendliche diese Substanzen vermehrt zur individuellen Stress- und Angstbewältigung.
- Zudem weisen die Daten auf eine vergleichsweise hohe Konsumerfahrung bei sogenannten Inhalanzien (Schnüffelstoffen) hin. Insbesondere der Missbrauch von Lachgas (Nitrous Oxide) als Partydroge ist hierzulande ein Thema (7,2 % Lebenszeitprävalenz in Liechtenstein im Vergleich zum ESPAD-Durchschnitt von 3,1 %).
5. Digitaler Medienkonsum auf Höchststand
Da die Schweiz nicht an der ESPAD-Welle 2024 teilnahm, lohnt sich vor allem der Blick nach Österreich und Deutschland. Im Bereich des digitalen Medienkonsums (Gaming und Social Media) bewegen sich die liechtensteinischen Jugendlichen auf einem ähnlich hohen Niveau wie ihre direkten deutschsprachigen Nachbarn. Liechtenstein hält mit 95 % sogar den europäischen Spitzenwert bei Jugendlichen, die im letzten Monat digitale Spiele gespielt haben. Fast die Hälfte aller Befragten zeigt zudem eine hohe Sensibilität für selbstwahrgenommene Risiken oder Probleme bei der Social-Media-Nutzung.
Fazit für die Präventionsarbeit
Die ESPAD-Studie 2024 verdeutlicht, dass sich die Risikolandschaft der Jugendlichen vom klassischen Substanzkonsum hin zu technologiegestützten Verhaltensweisen (Vaping, Gaming, Social Media) und dem Missbrauch von Medikamenten verlagert hat. Liechtenstein reagiert auf diese Verschiebungen bereits aktiv: Unter anderem wurde das gesetzliche Schutzalter für Tabak- und Nikotinprodukte im Kinder- und Jugendgesetz (KJG) konsequent auf 18 Jahre angehoben, um dem Vaping-Trend entgegenzuwirken.
Hintergrund zur Studie: Die ESPAD-Erhebung gilt als das weltweit grösste cross-nationale Forschungsprojekt zu Risikoverhalten von Jugendlichen. Finanziert wurde die Erhebung in Liechtenstein durch die Kommission für Suchtfragen bzw. das Amt für Soziale Dienste.