Wann ist es ein Notfall?
Mit dem internationalen Notfallhandzeichen kann eine Person ohne Worte zeigen, dass sie sich in einer unsicheren Situation befindet und Unterstützung braucht. Das Zeichen kann persönlich, aus einem Fenster oder während eines Videoanrufs verwendet werden.
Es bedeutet vor allem: «Kontaktiere mich auf eine sichere Art.» Es bedeutet nicht automatisch, dass du sofort die Polizei rufen sollst. Die betroffene Person möchte vielleicht zuerst reden, Informationen erhalten oder gemeinsam überlegen, welcher Schritt sicher ist.
Wie machst du das Handzeichen?
Du brauchst dafür nur eine Hand:
- Halte die offene Hand hoch.
- Die Handfläche zeigt zur anderen Person.
- Klappe den Daumen in die Handfläche.
- Schliesse die restlichen Finger über dem Daumen.
Die Bewegung sollte gut sichtbar nacheinander ausgeführt werden. Eine geschlossene Faust allein ist nicht das Notfallhandzeichen.
Wie reagierst du am besten auf das Handzeichen?
Nimm das Signal ernst, aber reagiere ruhig und unauffällig. Mach die Person nicht vor anderen auf das Handzeichen aufmerksam. Wichtig ist, dass du sie nicht zusätzlich in Gefahr bringst.
Wie du am besten reagierst, hängt von der Situation ab. Entscheidend ist, ob du sicher mit der Person sprechen kannst, ob sie begleitet wird und ob du sie kennst.
Ist die Person allein oder kannst du unauffällig mit ihr sprechen, frag zuerst, ob sie gerade sicher reden kann. Stell einfache Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können.
Zum Beispiel:
- «Brauchst du Hilfe?»
- «Kannst du gerade sicher sprechen?»
- «Soll ich die Polizei rufen?»
- «Soll ich jemanden für dich kontaktieren?»
- «Möchtest du an einen sicheren Ort gehen?»
Hör zu und nimm die Person ernst. Versuche nicht, sofort alles selbst zu lösen. Frag lieber, welche Unterstützung sie möchte.
Wenn die Person nicht reden kann oder nur sehr kurz antwortet, dräng sie nicht. Vereinbart, wenn möglich, einen sicheren Weg für den nächsten Kontakt.
Sprich das Handzeichen nicht offen an. Du weisst nicht, ob die Begleitperson mithört, die andere Person kontrolliert oder möglicherweise selbst eine Gefahr darstellt. Konfrontiere die Begleitperson nicht und versuche nicht, die beiden mit Gewalt oder gegen ihren Willen voneinander zu trennen. Das kann die Situation verschärfen.
Bist du an einem öffentlichen Ort, kannst du diskret Unterstützung holen. Sprich zum Beispiel Mitarbeitende, den Sicherheitsdienst oder eine andere verantwortliche Person an. Erklär kurz, was du beobachtet hast, und überlegt gemeinsam, wie ihr sicher reagieren könnt.
Ein unauffälliger Vorwand kann manchmal helfen, kurz Kontakt zur Person herzustellen. Du könntest zum Beispiel nach dem Weg fragen, um Hilfe bei etwas bitten oder ein neutrales Gespräch beginnen. Wichtig ist, dass die Situation dadurch nicht auffälliger oder gefährlicher wird.
Geht die Person allein zur Toilette oder an einen anderen geschützten Ort, kann sich dort eine Möglichkeit für ein kurzes Gespräch ergeben. Frag zuerst, ob sie sicher sprechen kann. Dräng sie nicht und versuche nicht, sie gegen ihren Willen von der Begleitperson wegzubringen.
Du kannst zum Beispiel fragen:
- «Brauchst du Hilfe?»
- «Kannst du gerade sicher sprechen?»
- «Soll ich jemanden für dich anrufen?»
- «Möchtest du, dass ich bei dir bleibe?»
- «Soll ich später nochmals Kontakt mit dir aufnehmen?»
Bleib nur dann in der Nähe, wenn das für dich sicher ist. Bei unmittelbarer Gefahr rufst du die Polizei unter 117 oder den Euro-Notruf unter 112.
Kennst du die Person und hast beispielsweise ihre Nummer oder kennst Familienmitglieder oder Freund*innen versuche auf einem möglichst sicheren Weg Kontakt aufzunehmen. Denk daran, dass Nachrichten möglicherweise mitgelesen werden. Vermeide deshalb auffällige Nachrichten über Gewalt, Polizei oder Flucht, wenn du nicht sicher weisst, dass die Person ungestört ist.
- Kontaktiere die Person auf einem möglichst sicheren Weg, zum Beispiel wenn sie später allein ist, nach Hause gegangen ist oder du weisst, dass sie ungestört telefonieren oder schreiben kann.
- Du kannst zuerst neutral fragen: «Kannst du gerade sicher schreiben?» oder «Kannst du ungestört telefonieren?» Wenn das möglich ist, sag direkt: «Ich habe dein Handzeichen gesehen. Brauchst du Hilfe?»
- Frag danach, was die Person braucht und wie du sie unterstützen kannst. Vielleicht möchte sie reden, jemanden kontaktieren oder gemeinsam Hilfe suchen. Dräng sie nicht zu einer Entscheidung.
Bei unmittelbarer Gefahr gilt: Ruf die Polizei unter 117 oder den Euro-Notruf unter 112.
Wann solltest du sofort Hilfe holen?
Ruf die Polizei unter 117 oder den Euro-Notruf unter 112, wenn die Person unmittelbar bedroht, verfolgt, festgehalten oder verletzt wird. Teile mit, wo du bist, was du beobachtet hast und wie die beteiligten Personen aussehen.
Bring dich nicht selbst in Gefahr, verfolge niemanden allein und greife nicht körperlich ein. Weitere Notfallkontakte findest du unter Notfälle und Soforthilfe.
Wie kannst du sicher helfen, wenn du etwas beobachtest?
Wenn du einen Notfall, Gewalt, Belästigung oder eine bedrohliche Situation beobachtest, musst du nicht wegschauen. Du kannst helfen, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Wichtig ist: Deine Sicherheit zählt auch. Wenn die Situation gefährlich wirkt oder jemand akut bedroht ist, hol sofort Unterstützung und ruf im Notfall die Polizei unter 117.
5 Möglichkeiten die dir helfen, handlungsfähig zu bleiben
Wenn du eine Notsituation, Belästigung oder eine andere unangenehme Situation beobachtest, musst du nicht wegschauen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sicher zu helfen, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Im kostenlosen 10-minütigen Online-Training von StandUp kannst du üben, wie du in solchen Situationen reagieren kannst. Die folgenden fünf Möglichkeiten helfen dir, handlungsfähig zu bleiben:
Wenn es sicher ist, kannst du klar sagen: «Stopp, lass sie in Ruhe» oder «Das ist nicht okay.» Bleib ruhig, halte Abstand und bring dich nicht selbst in Gefahr.
Unterbrich die Situation, ohne die Täterperson direkt zu konfrontieren. Frag zum Beispiel nach der Uhrzeit, tu so, als würdest du die betroffene Person kennen, oder sag: «Komm, wir müssen los.»
Sprich andere Personen konkret an, zum Beispiel Security, Barpersonal, Lehrpersonen, Busfahrer*innen oder Passant*innen. Sag nicht nur «Kann jemand helfen?», sondern zum Beispiel: «Du mit der roten Jacke, bitte ruf die Polizei.»
Wenn es sicher ist, kannst du filmen oder wichtige Details notieren. Achte darauf, dich nicht selbst zu gefährden. Teile Aufnahmen nicht online. Gib sie nur der betroffenen Person oder der Polizei, wenn die betroffene Person das möchte.
Frag die betroffene Person nachher, was sie braucht. Zum Beispiel: «Soll ich bei dir bleiben?», «Soll ich jemanden anrufen?» oder «Möchtest du eine Beratungsstelle kontaktieren?» Manchmal hilft es schon, wenn jemand ruhig bleibt und zeigt: Du bist nicht allein.

Kann jede Person das Handzeichen verwenden?
Ja. Das Zeichen wurde ursprünglich entwickelt, um Menschen zu unterstützen, die häusliche und/oder geschlechtsspezifische Gewalt erleben. Heute kann es von jeder Person verwendet werden, die sich bedroht, kontrolliert oder nicht sicher fühlt.
Gewalt kann Frauen, Männer, nichtbinäre Personen, Kinder und Jugendliche betreffen. Entscheidend ist nicht das Geschlecht, sondern dass das Signal erkannt und respektvoll darauf reagiert wird.
Welche Grenzen hat das Handzeichen?
Das Handzeichen kann ein wichtiger Hinweis sein, ist aber kein eindeutiger Beweis dafür, dass eine Person in Gefahr ist. Nicht alle Menschen kennen das Zeichen oder verstehen sofort, was es bedeutet. Gleichzeitig können auch Personen, von denen Gewalt oder Kontrolle ausgeht, das Signal kennen. In solchen Situationen kann es für die betroffene Person riskant sein, das Zeichen zu verwenden.
Deshalb ist das Handzeichen nur eine von mehreren Möglichkeiten, um auf eine schwierige oder gefährliche Situation aufmerksam zu machen. Wenn du unsicher bist, ob eine Person das Zeichen bewusst verwendet hat, reagiere nicht vorschnell vor anderen. Kontaktiere sie später möglichst unauffällig und frage neutral, wie es ihr geht, ob alles in Ordnung ist oder ob sie Unterstützung braucht.
Sicher bleiben
Handle ruhig und überlegt. Eine unbedachte Reaktion kann die Situation verschlimmern. Vermeide es:
- die gewaltausübende Person direkt zu konfrontieren
- auffällige Nachrichten über Gewalt oder Flucht zu senden
- ohne Erlaubnis anderen vom Vorfall zu erzählen
- der betroffenen Person Vorwürfe zu machen
- sie zu einer bestimmten Entscheidung zu drängen
- dich selbst in Gefahr zu bringen
Bei unmittelbarer Gefahr gilt trotzdem: Hilfe holen und die Polizei informieren.
Was bedeutet «Ist Luisa da?»
«Ist Luisa da?» ist ein Codewort, das in manchen Bars und Clubs verwendet wird. Eine Person kann damit dem Personal zeigen, dass sie belästigt wird, sich unwohl fühlt oder Hilfe braucht.
Der Code funktioniert aber nur, wenn der jeweilige Betrieb daran teilnimmt und die Mitarbeitenden geschult sind. Verlasse dich deshalb nicht automatisch darauf. Du kannst auch direkt sagen: «Ich fühle mich unsicher und brauche Hilfe.»
Bei Veranstaltungen gibt es teilweise Awareness-Teams oder geschützte Rückzugsorte. Informiere dich vor Ort, welche Unterstützung angeboten wird.
Häufige Fragen
Nicht immer. Frage zuerst, welche Unterstützung die Person möchte. Bei unmittelbarer Gefahr solltest du jedoch sofort 117 oder 112 wählen.
Reagiere ruhig und beobachte die Situation. Wenn du die Person sicher kontaktieren kannst, frag unauffällig nach, zum Beispiel: «Ist alles in Ordnung?» oder «Brauchst du Hilfe?» Setz die Person nicht unter Druck und sprich das Handzeichen nicht offen an, wenn dadurch eine Gefahr entstehen könnte.
Ja. Das Zeichen wurde ursprünglich für Situationen entwickelt, in denen eine Person während eines Videoanrufs nicht offen sprechen kann. Verwende es aber nur, wenn dadurch keine zusätzliche Gefahr entsteht.
Sende keine auffälligen Fragen zu Gewalt, Polizei oder Flucht. Nutze einen sicheren Kommunikationsweg oder warte, bis die Person allein ist. Eine neutrale Nachricht kann weniger riskant sein.
Nein. Nicht alle Menschen kennen das Signal. Es kann helfen, einen sicheren Kontakt herzustellen, ersetzt aber keine Notrufnummer und keine professionelle Beratung.
Nimm das Handzeichen ernst.
- Frage zuerst, ob die Person sicher sprechen kann.
- Höre zu und lass die betroffene Person mitentscheiden.
- Nutze nur sichere Kommunikationswege.
- Ruf bei unmittelbarer Gefahr 117 oder 112.
Bring dich nicht selbst in Gefahr.
Das Zeichen wurde 2020 von der Canadian Women’s Foundation bekannt gemacht. Während der Coronapandemie waren viele Menschen stärker isoliert und konnten nicht sicher telefonieren oder offen um Hilfe bitten.
Das Handzeichen sollte es ermöglichen, während eines Videoanrufs still auf eine unsichere Situation aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es auch ausserhalb digitaler Gespräche bekannt.
Externe LINKS
Die wichtigsten Anlaufstellen im Überblick
Du musst schwierige oder gewalttätige Situationen nicht allein bewältigen. Auch wenn du unsicher bist, ob ein Vorfall «schlimm genug» war, kannst du dich beraten lassen.
Notfälle und Soforthilfe
Hier findest du wichtige Notrufnummern und Hinweise für Situationen in denen SOFORT Hilfe gebraucht wird. Die Übersicht hilft dir, schnell die passende Anlaufstelle zu erreichen.
Anlauf- & Beratungsstellen in Liechtenstein
Auf dieser Seite findest du Beratungsstellen für verschiedene Themen und Lebenssituationen. Du kannst dort nach einer passenden Anlaufstelle suchen.