68 Prozent dafür, 16 Prozent dagegen – und am Ende 76 Prozent dafür. Mit diesen Zahlen endete die Abstimmung unter den Schülerinnen und Schülern bei einer Podiumsdiskussion zur Fristenlösung. Doch hinter der scheinbar einfachen Frage «für oder gegen Abtreibung?» steckt deutlich mehr.
Am 15. September fand im SAL in Schaan anlässlich des Tages der Demokratie eine Podiumsdiskussion zur Abtreibungsinitiative statt. Organisiert wurde der Anlass vom «aha». Obwohl die Initiative inzwischen vom Landtag angenommen wurde und eine Volksabstimmung mit 13 zu 12 Stimmen abgelehnt wurde, fand die bereits geplante
Veranstaltung trotzdem statt. Zu gross war der Aufwand für die Vorbereitung und zu wichtig erschien es den Organisatoren, den Jugendlichen die unterschiedlichen rechtlichen, medizinischen und ethischen Perspektiven näherzubringen. Auch das Liechtensteinische Gymnasium Vaduz war mit mehreren Klassen vertreten.
Wie kam es überhaupt so weit?
Zu Beginn wurde der frühere Umgang mit dem Schwangerschaftsabbruch in Liechtenstein aufgearbeitet. Schülerinnen und Schüler des Wahlpflichtkurses Politik am LG Vaduz hatten dazu ein Video vorbereitet, das die Entwicklung der Gesetzgebung und die Situation in den Nachbarländern aufzeigt.
Anschliessend ordneten Dr. Karin Frick vom Liechtenstein-Institut und Lisa von Reden vom Verein für Menschenrechte die Situation politisch und menschenrechtlich ein. Dabei wurde ein grundlegender Konflikt deutlich: Auf der einen Seite steht das Selbstbestimmungsrecht der Frau, auf der anderen der Schutz des ungeborenen Lebens.
Die medizinische Perspektive übernahm Dr. Carolin Blume, Chefärztin am Kantonsspital Graubünden. Sie erklärte, wie ein Schwangerschaftsabbruch je nach Zeitpunkt durchgeführt wird. In einem frühen Stadium kann er medikamentös erfolgen, später ist ein operativer Eingriff notwendig. Auch mögliche Fehlbildungen oder schwere Einschränkungen des ungeborenen Kindes wurden thematisiert.
Für Liechtensteinerinnen ist ein solcher Eingriff im Ausland zudem mit Kosten verbunden. Je nach Methode belaufen sich diese laut den Angaben an der Veranstaltung auf etwa 600 bis 1200 Franken.
Zwischen Selbstbestimmung und Lebensschutz
Auf dem Podium trafen unterschiedliche Positionen aufeinander. Tuana Türkyilmaz vom Initiativkomitee forderte unter anderem einen besseren Zugang zu Informationen und medizinischer Versorgung sowie eine Kostenübernahme. Carolin Brändle, Seelsorgerin der Kirche Werdenberg, stellte dem den Schutz des ungeborenen Lebens gegenüber. Ihrer Ansicht nach müsse die Gesellschaft Frauen in schwierigen Situationen stärker unterstützen, anstatt den Schwangerschaftsabbruch als alleinige Lösung zu betrachten.
Damit wurde deutlich: Bei der Fristenlösung geht es längst nicht nur um die Frage «für oder gegen Abtreibung». Es geht um Selbstbestimmung, Lebensschutz, medizinische Versorgung, Information und die Frage, welche Verantwortung der Staat übernehmen sollte.
Eine überraschende Erkenntnis
Besonders spannend wurde es, als die Jugendlichen selbst abstimmen konnten. Per Smartphone konnten sie ihre Position zur Fristenlösung angeben. Zu Beginn sprachen sich 68 Prozent für die Fristenlösung aus. Am Ende waren es 76 Prozent. 16 Prozent stimmten dagegen, 8 Prozent waren noch unentschlossen. Das «aha» weist darauf hin, dass diese Abstimmung unter den rund 250 Anwesenden keine repräsentative Umfrage darstellt.
Ich selbst besuchte die Podiumsdiskussion mit meiner Klasse. Im Anschluss diskutierten wir das Thema noch einmal in der Klassenstunde. Dabei fiel uns vor allem eines auf: Die Diskussion schien teilweise an der eigentlichen politischen Frage vorbeizugehen.
Denn ob Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich möglich sein sollen, ist für Liechtenstein nicht mehr nur eine theoretische Frage. Frauen können bereits heute in der Schweiz oder in Österreich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen. Diese Länder haben eigene gesetzliche Regelungen getroffen.
Die Fristenlösung würde daran zunächst nichts ändern. Sie würde vielmehr die Situation in Liechtenstein selbst verändern. Es geht damit um die Frage, ob Frauen ihre Entscheidung weiterhin ausserhalb des Landes treffen müssen und welche rechtlichen, medizinischen und finanziellen Rahmenbedingungen dabei in Liechtenstein gelten sollen.
Genau hier lag für uns ein zentraler Punkt: Die Frage «Bin ich für oder gegen Abtreibung?» greift für die konkrete politische Debatte zu kurz. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Wie will Liechtenstein mit einer Realität umgehen, die bereits besteht?
Die Podiumsdiskussion lieferte darauf keine einfache Antwort. Vielleicht lag genau darin ihre wichtigste Erkenntnis: Bei einem Thema, das gleichzeitig medizinische, ethische, rechtliche und persönliche Fragen berührt, lässt sich die Debatte nicht auf ein schlichtes Ja oder Nein reduzieren.
Text: Tom Louis Benndorf, 7Na