Nicht jedes Freiwilligenprojekt ist, was es vorgibt zu sein. Wer sich engagieren möchte, sollte wissen, wie man seriöse Angebote erkennt, und was hinter dem Begriff Voluntourismus steckt. Dieser Artikel hilft dir, den Unterschied zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen und ein Projekt zu wählen, das wirklich etwas bewirkt.
Was ist Voluntourismus – und warum ist er problematisch?
Voluntourismus bezeichnet kurze Freiwilligeneinsätze, die oft von gewinnorientierten Organisationen als Teil eines Urlaubs vermarktet werden. Auf den ersten Blick klingt das verlockend: Reisen, gleichzeitig Gutes tun, was spricht dagegen?
Einiges, tatsächlich. Bei vielen Voluntourismus-Angeboten steht das Erlebnis der Freiwilligen im Vordergrund, nicht das Wohl der Menschen im Projekt. Beispiel: Kurze Einsätze in Waisenhäusern oder bei Kindern in schwierigen Lebensverhältnissen können mehr schaden als nützen, weil ständig wechselnde Bezugspersonen für die Kinder traumatisierend sein können. Und oft werden lokale Fachkräfte durch unausgebildete Freiwillige ersetzt, die eine Woche bleiben.
Das heisst nicht, dass alle kurzen Einsätze schlecht sind, aber es lohnt sich, kritisch hinzuschauen und die richtigen Fragen zu stellen, bevor man bucht.
Podcast: Voluntourismus, wenn Helfen zum Geschäft wird
Reisen und gleichzeitig Gutes tun, das klingt sinnvoll. Doch nicht jedes Freiwilligenprojekt hilft den Menschen oder Tieren vor Ort. Manche kommerziellen Anbieter verkaufen teure Kurzzeiteinsätze, ohne transparent zu zeigen, wie Freiwillige ausgewählt werden, welche Aufgaben sie übernehmen und wohin das Geld fliesst.
In dieser Podcastfolge erfährst du, was Voluntourismus ist, welche Risiken kurze Einsätze mit sich bringen und woran du seriöse Angebote erkennst. Ausserdem hörst du, welche Fragen du vor einer Buchung stellen solltest.
Der Podcast wurde in Deutschland produziert und erwähnt deshalb den deutschen Bundesfreiwilligendienst. Dieses Angebot gibt es in Liechtenstein nicht. Vergleichbare Möglichkeiten sind das Freiwillige Soziale Jahr Liechtenstein und das Europäische Solidaritätskorps.
Wie erkenne ich ein seriöses Angebot?
Gute Freiwilligenarbeit zeichnet sich durch Qualität, Transparenz und einen echten Nutzen für die betreuten Personen aus. Hier ist eine Übersicht, worauf du achten solltest:
| Gute Zeichen | Warnsignale |
|---|---|
| Freiwillige werden vor dem Einsatz kompetent vorbereitet | Organisation ist gewinnorientiert (z. B. Reiseveranstalter) |
| Begleitung vor Ort und nach dem Einsatz ist sichergestellt | Einsatz wird als «Urlaub mit Gutes-Tun» vermarktet |
| Lernerfahrung steht im Vordergrund | Sehr kurze Einsätze (wenige Tage) in sensiblen Bereichen (Kinder, Gesundheit) |
| Notfallkontakt und Unterstützung in Krisensituationen vorhanden | Kaum Informationen über Kosten, Ziele oder Partnerorganisationen |
| Schriftliche Vereinbarung zwischen Organisation und Freiwilligen | Keine schriftliche Vereinbarung |
| Kontakt zu ehemaligen Freiwilligen möglich | Keine kritischen Erfahrungsberichte auffindbar |
| Organisation ist gemeinnützig (z. B. Verein) | Du weisst nicht, was mit deinem Geld passiert |
| Gütesiegel vorhanden (z. B. Spendengütesiegel) | Kein Konzept für Kinderschutz oder Schutz verletzlicher Personen |
| Gute Zusammenarbeit zwischen Entsendeorganisation und Aufnahmeorganisation | Wenn eine Organisation sehr hohe Gebühren verlangt, aber kaum transparent macht, was damit finanziert wird; nachfragen oder Abstand nehmen. |
| Wohl der betreuten Personen steht im Mittelpunkt |
Welche Fragen sollte ich einer Organisation stellen?
Bevor du dich für ein Projekt entscheidest, lohnt es sich, einer Organisation direkt folgende Fragen zu stellen und die Antworten kritisch zu hinterfragen:
- Welche Ziele verfolgt das Projekt?
- Wer profitiert nachhaltig davon?
- Ist die Organisation gemeinnützig oder gewinnorientiert?
- Was passiert mit dem Geld, das ich bezahle?
- Wie werden Freiwillige auf den Einsatz vorbereitet und begleitet?
- Gibt es Kinderschutzrichtlinien, wenn ich mit Minderjährigen arbeite?
- Hat die Organisation einen religiösen oder weltanschaulichen Hintergrund, und kann ich das vertreten?
- Kann ich mit ehemaligen Freiwilligen sprechen?
- Gibt es eine schriftliche Vereinbarung?
- Gibt es auch kritische Erfahrungsberichte? Googeln lohnt sich!
Was kostet Freiwilligenarbeit und was ist normal?
Freiwilligenarbeit ist in den allermeisten Fällen nicht gratis. Das ist normal und nicht automatisch ein Warnsignal. Während deines Einsatzes entstehen trotzdem Kosten. Zum Beispiel muss jemand deine Unterkunft organisieren, dich vorbereiten, vor Ort begleiten und im Notfall erreichbar sein. Auch Essen, Versicherungen oder Fahrten können Geld kosten.
Wichtig ist, dass die Organisation verständlich erklärt, wofür du bezahlst und was im Preis enthalten ist.
Mögliche Kosten
- Programmgebühr, je nach Angebot von wenigen Hundert bis zu mehreren Tausend Franken
- Reise- und Transportkosten
- Versicherungen wie Kranken-, Unfall- oder Haftpflichtversicherung
- Visum, je nach Zielland
- Impfungen
- Mobilität vor Ort
Was oft inklusive ist
- Unterkunft und Verpflegung, bei vielen Programmen inklusive
- Betreuung vor und während des Einsatzes
- Sprachkurs, zum Beispiel beim ESK
- Taschengeld, zum Beispiel beim ESK oder bei manchen anderen Programmen
Was bedeutet faire Freiwilligenarbeit?
Faire Freiwilligenarbeit bedeutet: Beide Seiten profitieren, du als Freiwillige*r und die Menschen und das Projekt vor Ort. Das setzt voraus, dass du gut vorbereitet bist, dein Einsatz in ein bestehendes Konzept passt und die Organisation verantwortungsvoll arbeitet.
Faire Freiwilligenarbeit berücksichtigt auch die ökologische Bilanz: Ein Langstreckenflug für einen zweiwöchigen Einsatz hinterlässt einen erheblichen CO₂-Abdruck. Frage dich, ob der Nutzen deines Einsatzes in einem gesunden Verhältnis zum ökologischen Aufwand steht.
Wenn du unsicher bist, ob ein Angebot wirklich seriös ist: Hol dir eine Beratung beim aha. Wir kennen viele Organisationen und können dir helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen.
Häufige Fragen
Nicht automatisch. Bei kommerziellen Kurzzeiteinsätzen solltest du aber genau hinschauen, besonders in sensiblen Bereichen wie der Kinderbetreuung. Gut organisierte Kurzzeitprogramme wie Workcamps, haben klare Qualitätsstandards und sind davon zu unterscheiden.
Du bezahlst nicht für die Arbeit selbst, sondern für die Organisation rund um deinen Einsatz.
Ein Beispiel: Du hilfst zwei Wochen in einem Umweltprojekt mit. Die Organisation sucht eine Unterkunft für dich, stellt eine Betreuungsperson bereit, organisiert Arbeitsmaterial und sorgt dafür, dass du bei Problemen Unterstützung bekommst. Diese Leistungen kosten Geld. Seriöse Anbieter erklären klar, wie dein Beitrag verwendet wird.
Nicht automatisch. Aber bei kommerziellen Kurzzeiteinsätzen, besonders in sensiblen Bereichen wie Kinderbetreuung, sollte man genau hinschauen. Gut organisierte Kurzzeitprogramme wie Workcamps (z. B. SCI, Grenzenlos) haben klare Qualitätsstandards und sind davon klar zu unterscheiden.
Suche bei Google nach dem Namen der Organisation und Begriffen wie «Erfahrungen» oder «Bewertungen». Schau auch auf unabhängigen Plattformen nach und frag die Organisation direkt nach Kontakten zu ehemaligen Freiwilligen.
Wenn du keine kritischen Berichte findest, ist das eher ein Warnsignal als ein gutes Zeichen.
Ein Gütesiegel bestätigt, dass eine Organisation nach bestimmten Qualitätskriterien arbeitet. Bekannte Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum sind Spendengütesiegel aus Österreich oder der Schweiz sowie das DZI-Spendensiegel aus Deutschland.
Ein Gütesiegel ist ein gutes Zeichen, aber kein alleiniger Beweis dafür, dass eine Organisation seriös ist.
Ja, unbedingt! Das aha berät dich gerne und hilft dir dabei, eine Organisation und ihr Angebot einzuschätzen. Bei ESK-Projekten gibt es zudem eine offizielle EU-Datenbank mit akkreditierten Organisationen.
MEHR INFOS
Deine Möglichkeiten im Bereich Freiwilligenarbeit

Kurzzeiteinsätze & Workcamps
Kurzzeiteinsätze und Workcamps dauern meist zwischen einer und zwölf Wochen. Du arbeitest gemeinsam mit Freiwilligen aus verschiedenen Ländern an einem sozialen, kulturellen oder ökologischen Projekt. Diese Form passt gut, wenn du wenig Zeit hast, internationale Erfahrungen sammeln möchtest und gerne in einer Gruppe mit klaren Aufgaben und einem geregelten Ablauf arbeitest.

Lange Freiwilligeneinsätze
Langzeiteinsätze dauern zwischen zwei und zwölf Monaten und geben dir die Möglichkeit, ein Projekt, das Land und die Menschen vor Ort intensiv kennenzulernen. Du arbeitest längere Zeit in einer sozialen, ökologischen, kulturellen oder gemeinnützigen Organisation mit und sammelst praktische Erfahrungen. Auf der Übersichtsseite findest du passende Organisationen, Vorbereitungstipps und Informationen zur Finanzierung.

ESK-Freiwilligenprojekte
Das Europäische Solidaritätskorps ist ein geförderter EU-Freiwilligendienst für junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren aus Liechtenstein. Unterkunft, Verpflegung, Versicherung, Taschengeld und ein grosser Teil der Reisekosten werden übernommen. Bei gesundheitlichen, sozialen, finanziellen oder anderen Hürden ist zusätzliche Unterstützung möglich. Das aha begleitet und unterstützt dich persönlich während der gesamten Zeit.